Welthumanistenkongress 2023 – Unsere Stimme für Solidarität

Jan. 7, 2026 | Archiv, Statements-2023 | 0 Kommentare

von Silvana Uhlrich-Knoll

Der humanistische Weltkongress 2023 in Kopenhagen hinterlässt einen großen Fußabdruck – in meiner Gedankenwelt, in den vielen Teilnehmern aus 40 verschiedenen Nationen, aber auch bei der Liste der Repräsentanten, die hier als Sprecher, Gast oder Teil des humanistischen Systems vertreten sind. Parlamentarische Vertreter der norwegischen Regierung, Autoren, Jurymitglieder des Nobelpreiskommittees, hoch renommierte Professoren von Universitäten, alle sind sie hier vor Ort und sprechen über die eine Sache – Wie Demokratie bessere Brücken durch humanistische Werte bauen kann. Schon die Eröffnungsredner wie Sandi Toksvig machen deutlich, was das humanistische Netzwerk ausmacht: Humanisten sind aktiv involviert in demokratischen Strukturen, sie hinterfragen, sie handeln, sie erzählen. Denn, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn Menschen egal welcher Herkunft, Gesinnung und Religion eingesperrt werden, dann ist jeder Mensch in Gefahr.

Sofia Nasström, Professorin für Politikwissenschaften in Schweden, erklärt dies noch spezifischer. Sie sagt, Demokratien verändern sich langsam zu Autokratien durch Einschränkungen wie Kürzungen von Förderungen, Einschränkung von Meinungsfreiheit und Verboten. Die Folgen sind verheerend: Migration, Krieg, Veränderungen von ökonomischen und ökologischen Systemen, digitalisierte Falschmeldungen und Hassreden. Es bedarf einer politischen Lösung, aber es bedarf dabei auch einer persönlichen Ebene. Das, was uns betrifft, was uns interessiert, sollte Grund für politische Themen sein.

Es sollte nicht ein Zeigen auf historische, rückwärtsgewandte Themen geben, weder nach oben gewandte übersinnliche Anbetungen involvieren, noch nach innen gewandte Sichtweisen haben.

Wichtig wäre eine zukunftsgewandte Orientierung in Richtung Demokratie.

Das System der Wahlen ist ein solches System, jedoch scheint es mehr und mehr, dass wir mit Wahlen immer mehr führende Personen wählen als eine Zukunft, die durch diese Repräsentanten verkörpert wird. Nicole Carr, Mitglied der amerikanischen Organisation, argumentiert dazu, dass die gegenwärtige Situation in den USA für die jetzige Gesellschaft gefährlich und bestimmend für die politische Landschaft der nächsten Jahre sein wird.

Könnte so im Umkehrschluss Demokratie dazu führen, dass Religion weniger wichtig wird? Die dazu veröffentlichte Studie „The Power of Religion“ von Jeanette Sinding aus Dänemark zeigt dazu ein aktuelles Bild auf, wieviel Macht die Religion in unserem heutigen Leben hat, und lässt Hoffnung aufkommen. Was können wir nun als eine Bewegung besser machen, um den religiös geprägten Missionierungen und Kämpfen auf der Welt die Stirn zu bieten? Eine Aufklärung allein scheint nicht zu reichen, es müssen neue Wege geschaffen werden.

Im Laufe des Kongresses gibt es dazu viele unterschiedliche Einblicke in künstlerische, jugendliche, nationale und persönliche Perspektiven. So spricht Wonderful Mkhutche, ein junger Autor, Politikstudent und Präsident der humanistischen Organisation aus Malawi, am zweiten Tage des Kongresses über Demokratie und Humanismus und definiert die Idee von Demokratie in einem simplen, aber meiner Meinung nach auf den Punkt gebrachten Satz: Wir Menschen müssen einen materiellen Mehrwert aus der Demokratie erfahren, andernfalls verliert die Demokratie ihren Wert für uns. Genau diesen Wertverlust können wir momentan in der deutschen Politik erfahren, wo Menschen, da sie sich nicht gesehen, nicht gehört fühlen, sich aus Protest der AfD zuwenden. Mehr als eine Generation von Menschen ist von der deutschen Wiedervereinigung und den politischen Folgen betroffen und immer noch gibt es kein Gleichgewicht in der Wahrnehmung von Chancen und Möglichkeiten in derselben Gesellschaft.

Eine Demokratie muss offen sein für menschliche Verränderungen in Haltungen, Ideen und Glauben. Auch Nick Fish von den amerikanischen Humanisten ist überzeugt, dass die Politik mehr Pluralismus und Vielfalt unterstützen und nicht einseitig sein sollte. Mitgefühl und Solidarität treten immer wieder als Wörter während des Kongresses in den Vordergrund. Denn wenn wir uns nicht vorstellen können, etwas zu erreichen, dann werden wir es auch nicht machen. Mit diesem Ausruf unterstützt der vielfach ausgezeichnete Autor Lars Fredrik Svendson die aktive Arbeit der Humanisten und stellt sein Buch über Hoffnung vor. In Hoffnung eines bald endenden Krieges spricht Oleksandra Romantsova aus der Ukraine zu uns und berichtet über Möglichkeiten, wie wir als Humanisten helfen können, den Menschen in der Ukraine Unterstützung zukommen zu lassen und nach Beendigung des Krieges dabei zu sein, um das Land wieder mit aufzubauen. Auch Remus Cernea aus Rumänien, der als freier Journalist durch die Ukraine fährt und berichtet, schreibt und dokumentiert über die aktuellen Geschehnisse in den Kriegsgebieten. Er sagt, dass es in den letzten Jahren keine Kriege zwischen demokratischen Ländern, sondern nur zwischen Ländern ohne demokratische Führung bzw. autokratische Staaten gab, die Demokratien angreifen. Leider nimmt die Zahl dieser Staaten zu, in denen es nicht möglich ist, ohne Einschränkung des Seins zu leben. Über 70 % dieser Länder unterdrücken Minderheiten bzw. die Meinungs- und Religionsfreiheit und drohen mit Repressalien wie der Todesstrafe. Welche verschiedenen Länder dies genau betrifft, ist im Freedom of Thought Report nachzulesen. Aber beispielsweise im Iran ist die Nummer der Hinrichtungen in den letzten Jahren um das Dreißigfache! gestiegen, jedoch wird die internationale Aufmerksamkeit durch Verschleierungen dieser Hinrichtungen als Drogendelikte bzw. Drogenfälle nicht erreicht. So werden Menschen unter fadenscheinigen Gründen eingesperrt und getötet, um die Angst zu schüren und um Menschen zu zwingen, stillschweigend sich ihrem Schicksal zu ergeben.

Denn zwei der größten Sünden nach religiöser Sicht sind Blasphemie und Apostasie.

In 22 Ländern gibt es Apostasiegesetze, 12 davon drohen mit der Todesstrafe, meist muslimische Länder. Konsequenzen aus dieser seelischen und körperlichen Unterdrückung sind mentale Gesundheitsprobleme, Isolation, Angst, Traumata, die Beeinträchtigung von Demokratie und Menschenrechten, eine Polarisierung der einzelnen Gesellschaften und der Verlust von Innovation in betroffenen Ländern. Denn Einschränkungen führen zu weiteren Einschränkungen. Warum lassen wir also religiöse Positionen über unsere Ausrichtungen entscheiden, gerade auch in unserem politischen Umfeld?

Nazila Ghanea, Professorin für Menschenrechte in Oxford und UN-Beauftragte für FoRB sagt dazu: Wenn Menschrechte nicht universell übertragen werden können, sind es keine Menschenrechte, sondern Nischen, die bestimmten Gruppen nutzen oder diese unterstützen, aber nicht allen. Doch nicht ein einziges Recht der Menschenrechte kann als Kompromiss über Bord geworfen werden, wenn dafür ein anderes Recht übersehen wird.

Der Glaube folgt dem Glauben, an etwas zu glauben. Wie kann man somit Menschen zwingen, einen Glauben anzunehmen, wenn es nicht in ihnen liegt, dies zu glauben? Doch wie schon erwähnt, ist die häufigste Menschenrechtsverletzung die Anklage von Menschen unter den Schlagwörtern Blasphemie und Apostasie. Dabei werden diese Blasphemiegesetze sehr oft überstrapaziert und ausgenutzt. Dieser Übergebrauch wird überall auf der Welt dokumentiert, aber niemand sollte Hassreden, Ausnutzung und Missachtung dieser Gesetze tolerieren. Jederzeit sollten wir laut darüber sprechen und uns nicht stillschweigend unserem Schicksal oder andere ihrem Schicksal überlassen. Der Respekt der Menschenrechte zählt weit mehr.

Dass dies auch bei den parlamentarischen Vertretern weltweit als Thema angekommen ist, für sich selbst und andere dazu eine Position zu beziehen, ist überraschend und hinterlässt einen Hoffnungsschimmer. Denn nicht immer ist es leicht, auch im deutschen Politiksystem, Politiker für eine Ausrichtung über die christliche Religion hinaus zu begeistern, zu öffnen oder wenigstens frei von dieser als Unterstützer zu gewinnen. Das Netzwerk IPPFoRB (International Panel of Parliamentarians of Freedom of Religion or Belief) wurde vor gut neun Jahren gegründet und dessen Vertreter Abid Raja aus Norwegen zeigt uns auf, dass bereits 300 Mitglieder aus über 97 Ländern sich dieser noch sehr neuen Bewegung angeschlossen haben.

In der Abschlussrunde am Sonntag kommt Andrew Copson, Präsdient der Humanists International, noch einmal auf das Wesentliche zurück. Die Demokratie ist auch heute noch sehr rar und neu. Viele unserer Familienvorfahren hatten noch keine Möglichkeit zu wählen bzw. demokratisch am politischen, gesellschaftlichen System teilzunehmen. So ist das eine Aufgabe, an der wir immer weiterarbeiten müssen. Mut ist dabei eine ganz wichtige Eigenschaft, die auch zu unseren Werten zugezählt werden sollte, genau wie die Hoffnung. Immer mit Sorge und Blick auf die Bedürfnisse der Minderheiten in dieser Welt, sollten wir solidarisch unsere helfende Hand reichen. Dabei geht es besonders um die Unterstützung von Humanisten in Gefahr, aber auch das gemeinsame Eintreten für Resolutionen, Veröffentlichungen und Appelle.

Am Ende des Weltkongresses wurde durch die Mitgliederversammlung der Humanists International die neue Resolution für Demokratie verabschiedet und ist nun online zu finden.

Nach nun neun Jahren Abstinenz und zweimaliger Absage des Weltkongresses ist es den nordischen Ländern gelungen, einen großen Meilenstein in gemeinsamer Kooperation zwischen Dänemark, Island, Finnland, Norwegen und Schweden zu kreieren und viele Möglichkeiten zu schaffen, sich nicht nur digital, sondern in Person und in größerer Gruppe endlich wieder zusammen zu finden. Ein nächster Schritt in diese Richtung wird für 2026 von Nick Fish aus Amerika bekannt gegeben. Der nächste Weltkongress geht nach Washington D.C., USA.

In den beiden Jahren dazwischen werden die internationalen Treffen der Mitgliederversammlung der Humanists International 2024 in Singapur und 2025 in Luxemburg stattfinden.

Silvana Uhlrich-Knoll

aus dem Archiv des DFW (2023)

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