Bedarf es einer neuen Aufklärung?

Jan. 7, 2026 | Archiv, Statements-2022 | 0 Kommentare

Konferenzbericht von Silvana Uhlrich-Knoll

Mit großer Freude folgten über 200 Delegierte aus der ganzen Welt dem Aufruf der Humanists International (HI), sich nach zwei Jahren Abstinenz im internationalen Kontext wieder zu treffen. Der DFW als HI-Mitglied hat ebenfalls an der Tagung und an der Generalversammlung teilgenommen. Gastgeber der diesjährigen Veranstaltung war die Humanistische Gesellschaft Schottlands, welche vom 3.-5. Juni 2022 nach Glasgow einlud. Schon am ersten Abend wurde bei der Eröffnungsveranstaltung im „Mackintosh at the Willow” die Auszeichnung „Gordon Ross Humanist Award Winner 2021” vergeben. Dieses Jahr ging die Ehre an Mary Mackay, eine schottische Frau, die sich seit Jahren für StreetCare Edinburgh engagiert, in Calais/Frankreich ehrenamtlich im Flüchtlingscamp eine Versorgungsküche aufbaute und sich immer für die Armen und Schwachen in Schottland und anderen Ländern einsetzte.Der Samstag folgte mit vier sehr interessanten Diskussionsrunden unter der Überschrift Is it time for a new enlightenment, and what role should humanism play? – Ist es Zeit für eine neue Aufklärung und welche Rolle sollte der Humanismus dabei übernehmen? – Der erste Konferenzbeitrag wurde zum Thema Wissenschaft gehalten.

Die geladene Professorin Anne Glover war leider erkrankt, wurde aber von ihren Kolleg*innen und dem Vorstand der Skeptischen Vereinigung in Schottland sehr gut vertreten. Amüsant und unterhaltsam haben sich die vier Podiumsgäste über Fragen der aktuellen Zeit unterhalten, den Unterschied zwischen Meinung und Fakten besprochen und wie Wissenschaft das Aufstreben von nicht wissenschaftlichem Denken provozieren kann.

Die zweite Einheit zum Themenbereich Kunst wurde angeleitet von Terry Anderson, einem professionellen Cartoonisten und Karikaturisten, der Illustrationen für den „Glasgow Herald“ seit über 15 Jahren kreiert. Des Weiteren ist er Geschäftsführer des Cartoonist Rights Network International, welche die Menschenrechte von Cartoonisten schützen und ihre Arbeit verteidigen, wenn sie in Gefahr sind. In seinem Vortrag ging es um die Aufklärung im Jahre 2022 und die Frage, welche Zensur akzeptabel ist für das große Ganze bzw. wie weit Kunst ungehindert passieren dürfte. Fragen wie „Sollten Social Media Plattformen ihre Möglichkeiten nutzen, Menschen wie Donald Trump für ihre offensiven Inhalte zu sperren?“ und die Diskussion zu Monopolstellung von Plattformen waren dabei Teil der Debatte wie auch die Frage, ob Cancel Culture eine Kreation ist, um nicht weiter zu fragen. Als Fazit wurde Kunst im Progress gesehen, d.h. dass die Entwicklung von Kunst und Ausdruck abhängig ist vom historischen Background und den chronologischen Zeitecken. Aber auch hier steht die Freiheit der Meinungsäußerung der Verantwortung gegenüber. Mehrmals wurde in der Diskussion dafür gestimmt, dass Personen mit großer Öffentlichkeitswirkung nicht verbannt werden sollten, sondern scharf kritisiert werden für Fehltritte. Ein weiteres schönes Beispiel wurde zum Thema Kunst aus anderen Zeitepochen gegeben: Veraltete Statuen sollten nicht abgerissen, sondern stehen gelassen werden und neue sollten dazukommen, die diese kritisch als Zeitzeugen anschauen. Somit würde keine Geschichte beseitigt werden und man würde sinnbildlich diese zur Verantwortung ziehen.

Das dritte Themenfeld befasste sich mit Flüchtlingen und Asyl. Die neue Stadträtin von Glasgow, Roza Salih, hat selbst eine unglaubliche Geschichte als geflüchtete Kurdin hinter sich. Mit 15 Jahren hat sie gemeinsam mit anderen Mädchen ihrer Schule eine Gruppe gegründet, die sich dafür stark macht, dass Kinder nicht wieder in ihr Heimatland abgeschoben werden. Erfolgreich hat sie Jura und Politikwissenschaften studiert und setzt sich nun politisch für die Änderung der nationalen Grenzrichtlinien und der Gesetzgrundlagen ein. Aktuell geht sie auf die vielen Probleme und den psychologischen Druck für Flüchtlinge im System der UK ein, nachdem diese eine Lebensbedrohung in ihrem Heimatland und auf der folgenden Flucht durchlebt haben. Die Idee von Großbritannien, Ruanda als Flüchtlingsauffangort zu nutzen, wurde mit viel Protest öffentlich und, wie wir glücklicherweise durch die Presse erfahren habe, auch in letzter Sekunde vom High Court gestoppt. Roza nannte die Herangehensweisen von Neuseeland und Skandinavien als bessere

Beispiele, da dort das Recht zu wählen für Geflüchtete besteht. Schottland arbeitet derzeit erst an einer Überarbeitung dessen, um Geflüchteten das Recht zu wählen zu ermöglichen, wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung in Aussicht gestellt bekommen haben oder den Flüchtlingsstatus in Schottland haben. Auch Deutschland wird als gutes Beispiel genannt, da Asylsuchende nach einem Jahr die Erlaubnis bekommen können, einer Arbeit nachzugehen.

Als zweiter Referent zum Thema sprach David Pineda. Er ist Gründer undPräsident der Humanists Guatemala und Vorstandsmitglied von Humanists International. Davids Erfahrungen betreffen den Standort Zentralamerika und den Zusammenhang von Umweltfaktoren, Populationsbewegungen und Asyl in dieser Region der Erde. Guatemalas Bevölkerung besteht aus 7-10 % Migranten. Die Migration startete in den 70er/80er Jahren durch Bürgerkriege, Korruption und den Mangel an Möglichkeiten. Gesundheits-, Gewalt- und Klimaprobleme sind die großen Themen des Landes.

Die aufkommende Frage, ob rassistische Motive hinter dem positiven Ansatz stecken, die Ukraine zu unterstützen und Flüchtlingen aus der Ukraine mehr Platz zu geben als anderen Menschen, wird von vielen Seiten bejaht. Kriegsländer wie Jemen, Syrien und Irak werden mit ihren Problemen allein gelassen, mit ihrer kaputten Struktur, zerstörten Institutionen und allem anderen. Ein Fazit daraus ist, dass die internationale Unterstützung ausgeweitet werden sollte, um Asylanträge und Flüchtlingsströme und eine Flüchtlingskultur zweiter Klasse zu vermeiden.

Zum Abschluss des Tages übernahm Emma Wadsworth-Jones das Wort und leitete die vierte Diskussionsrunde zu den Universellen Menschenrechten ein. Aktueller denn je ist die Inhaftierung von Mubarak Bala, dem Präsidenten der Humanistischen Organisation in Nigeria, der zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde.

Emma schilderte die Situation Mubaraks und den Weg, den Humanists International gemeinsam mit ihm, seiner Familie und seinen Anwälten geht. Dazu wurden alle aufgerufen, den Druck weiterhin hochzuhalten und in den hiesigen Zeitungen über seinen Fall schreiben, um die Regierungen und die nationale Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken. Weiterhin ist es nötig, die Aufklärung im eigenen Land zu Themen wie Blasphemie und Apostasie zu erhöhen und die Petition für Mubarak zu unterschreiben. Minderheiten werden als Gefahr angesehen (VB Rawat, Indien) und werden dafür bestraft. VB Rawat ergänzte, dass in Indien das Essen überprüft und entschieden wird, ob man sich gegenüber dem Staat falsch verhält. Das Essen ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern auch eine Kultur, ein Recht auf Selbstentscheidung. Auch das Recht zu konvertieren ist unter dem noch praktizierten Kastensystem nicht einfach, die Überwachung hat in den letzten zehn Jahren zugenommen. So wird auch über die Rolle der Religion in den USA zum Thema Roe vs. Wade gesprochen, was kurze Zeit später Ende Juni als internationaler Aufschrei in die Geschichte eingeht. Ana aus Guatemala fasst ein persönliches Statement: „Religion ist eine Kontrollwaffe“.

So kommen die Delegierten am Ende der Konferenz zu dem Schluss, dass Theorie und Praxis immer noch weit voneinander entfernt stehen, wenn es um die Umsetzung von Geboten und Rechten geht. Dazu zählen Einschränkungen vieler Freiheiten der Menschen in allen Lebenslagen – Religion, LGBTQ+ etc. So ist auch die Frage nach einer neuen Aufklärung gerechtfertigt. Ansätze zu diesem Thema wurden schon vor über zehn Jahren aus unseren eigenen Reihen formuliert (Dr. Volker Mueller: Humanist Values and Freethinking, 2009, Angelika Lenz Verlag), und auch im Kreise unserer Präsidiumsarbeit macht sich der Gedanke breit, dass Strukturen überdacht werden sollten. Nicht nur die großen politischen, sondern auch die unserer Verbandspolitik und die der kleinen Organisationen.

Am Sonntag wurde die Satzungsversammlung mit einem Grußwort der Gastsprecherin Mariah Mercer eröffnet, die als Stellvertretende Botschafterin für Religiöse Freiheit und Stellvertretende Direktorin für die Behörde internationaler religiöser Freiheiten in Amerika arbeitet. Ihre Arbeit und Unterstützung zu den Menschenrechten und der Freiheit von Rechten gab einen wertvollen Input für den Rückblick ins letzte Jahr von den Humanists International. Von 320 Stimmberechtigten waren 217 anwesend, sodass das Quorum erreicht und gewählt werden konnte. Neben der Zusammenfassung des letzten Geschäftsjahres wurde auch über die Zukunftspläne für 2022 referiert – die weitere Arbeit für Menschenrechte, Demokratie und die Rolle des Gesetzes, für ein erfülltes Leben für jeden Menschen und für die Idee des Säkularismus. Südasien ist im Fokus für das kommende Jahr, und es werden weitere Fundraising-Kampagnen gegen Blasphemie gestartet. Neben neuen Projekten in Südasien wird es auch in Europa einen Projektschwerpunkt geben. Das Lobby-Networking auf Regierungsebene wird ausgebaut, und es wird eine Unterstützung für alle Mitgliedsorganisationen der HI für Kontakte auf Bundesebene angeboten. Auf die Anfrage, das Programm Humanists at Risk mehr zu fördern, wurde geantwortet, dass dieses Programm erst seit 2016 existiert und dass immer mehr Ressourcen genutzt wurden, es jedoch mehr Förderung bedarf, um hauptsächlich mehr Personal einzustellen. Der Freedom of Thought-Bericht ist ein gemeinsames Projekt aller Mitglieder der HI, um so aktuell und transparent wie möglich zu sein. Der Bericht wird auf UN-Ebene sehr genau unter die Lupe genommen (gerade von Ländern wie China) und auf Herz und Nieren geprüft. Somit dürfen keine falschen Angaben bzw. vage Formulierungen in diesem Bericht auftauchen. Abschließend wurde noch einmal genauer auf die Lage von Mubarak Bala eingegangen und um internationale Unterstützung geworben.

von Silvana Uhlrich-Knoll

aus dem Archiv des DFW (2022)

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert