von Renate Bauer

Spätestens jetzt sollten wir ins Grübeln kommen. Denn wer schon mal in Griechenland oder Spanien oder der Türkei oder wo es auch immer in diesem Jahr brannte, war und jetzt die Bilder der einmal bereisten Gegend mit ihrer vernichteten Natur sieht, dem bleibt wie mir nur der Schrecken. Warum ich das erwähne?
In vielen Aufsätzen lese ich die Hinweise auf unsere Freiheit in der Religion, auf die Möglichkeit und Notwendigkeit, sich eine eigene Anschauung zu bilden und selbstverantwortlich zu handeln.
Religion betrachten wir als emotionale und kognitive Bindung an die Welt mit Betonung auf Vernunft und Diesseits und einer humanistischen Ethik, die wir als vom Menschen ausgehend und geschaffen und nicht von Göttern vorgegeben ansehen.
Aber und deswegen mein Einleitungssatz, es gab schon früh im Konzept einer Freien Religion die inhaltliche Aussage, dass der Mensch ein Teil der Natur ist. Mit dieser Aussage grenzte man sich ab gegenüber der Ansicht der monotheistischen Religionen, der Mensch sei eine spezielle Schöpfung Gottes und herrsche über die Natur. Daniel Lock erläutert in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 33. 12.8.2021, S. 47), wie sehr John Locke die Vorstellung, Natur sei Eigentum des Menschen und dieser habe den göttlichen Auftrag, sie nutzbar zu machen, christlich theologisch begründete und auch kolonialistische Ausbeutung rechtfertigte. Bis heute ist diese Auffassung in vielen Köpfen verankert, auch wenn der theologische Hintergrund nicht mehr wahrgenommen wird.
Für mich ist daher diese Abkehr vom christlich begründeten Herrschaftsverhältnis über die Natur ein zweites Standbein unserer Anschauung, neben der Freiheit des Denkens die Einsicht in unser Eingebundensein in eine größere Welt, die über uns hinausreicht ein wesentliches Grundprinzip. Diesen Punkt sollten wir verstärkt aufgreifen und vertiefen. Was hieße das für eine Freie Religion? Wo müssten wir über das Konzept der Betonung der Freiheit des Menschen hinausdenken und wie müssten wir diese Aussage, der Mensch ist Teil der Natur, erklären und entfalten?
Aus meiner Sicht heraus reicht es nicht aus, nur kognitive Erklärungen dabei anzubieten. Zur Religion gehören emotionale Beziehung und Bindung. Aber welche Emotionen leben wir in unserer Beziehung zur Natur?
Ferner gehört zu den meisten Religionen der Aspekt des Opfers (s. Scott Atran, aber auch und vor allem Rene Girard), etwa des Zurückgebens für etwas Empfangenes oder als Weg zur Erzwingung der Einhaltung von Regeln. Müssen wir auch diese Haltung berücksichtigen?
Doch zuerst schicke ich einige Überlegungen voraus, was „Teil der Natur sein“ konkret heißt. Wir sind strukturell mit allen anderen Lebewesen verwandt, durch Gene und Stoffwechsel sind wir abhängig von anderen Lebewesen wie auch von der nichtbelebten Welt, da wir Sauerstoff und Wasser für unser Überleben brauchen.
Naturbild: unser Wissen über Natur
Natur ist dabei außerhalb und innerhalb von uns. Außerhalb: dazu gehört all das, was Menschen nicht selbst machen, z.B. andere Lebewesen, die Mensch auch dann nicht macht, wenn wir sie züchten oder Gene bei ihnen austauschen. Innerhalb: das ist all das, was ein Mensch mitbringt, um zu leben: Gene, Stoffwechsel, schlicht die physiologischen, aber auch psychologischen Voraussetzungen. Dabei ist deren Veränderung Teil des Lebensprozesses, wir entscheiden bis zu einem guten Grade selbst, wieweit wir mit deren Verändern gehen wollen. Die letzte Grenze bleibt der Tod.
Nach welchen Regeln wir Veränderungen vornehmen, ist letztlich unsere Sache, denn wir können auch unser Aussterben veranlassen. Daher bleibt Ethik eine Aufgabe des Menschen, die wir nicht delegieren können, auch nicht an die Natur. Daher lehne ich den Sozialdarwinismus ab, denn Vorstellungen von der Durchsetzung der angeblich Stärkeren sind kulturell und nicht natürlich.
Auswirkungen unserer Ansicht, Teil der Natur zu sein
Teil der Natur heißt für mich nicht, wie ein Ziegel in einer Mauer zu sein, also sozusagen festgezurrt auf einen bestimmten Platz und keine Freiheit, keine Beweglichkeit zu haben. Stattdessen sehe ich mich in Prozesse eingebunden, die ich beeinflusse und mitgestalte. Eine völlige Selbstgestaltung ist wie erwähnt nicht möglich, ich muss immer wieder auf Materialien und Prozesse zurückgreifen, die ich vorfinde, egal wie sehr ich sonst etwas verändere. Verändern bedeutet auch immer, dass diese Veränderungen auf mich zurückwirken. Und Veränderungen an mir selbst wirken auf andere Menschen und Lebewesen und auf unser aller Lebensgrundlagen.
Veränderungen durch Menschen sind ja auch hilfreich, z.B. gibt es in manchen sogenannten Kulturlandschaften eine größere Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten als in umliegenden Gebieten, etwa auf Wiesen entlang Flussläufen.
Teil der Natur sein hat für mich aber noch eine weitere Implikation. In der Natur finde ich keinen Anhaltspunkt, hierarchische Modelle zur Beschreibung der Lebewesen und Lebensgrundlagen einzuführen. Wenn wir sagen, dass bestimmte Tiere an der Spitze einer Nahrungspyramide stehen, kann man daraus keine Aussage über den Wert eines Lebewesens ableiten. Bessere Bilder wären Netzwerk, Kreisläufe, man kann auch von Verwobenheit sprechen. Hierarchien mögen menschliche Gesellschaften beschreiben, aber die Beziehungen in der Natur lassen sich mit der Vorstellung von „übergeordnet und untergeordnet“ nicht erfassen. Es sind kulturelle Vorstellungen, mit der Menschen versuchen, die Abläufe in den Lebensprozessen für sich zu interpretieren.
Einfache Ursache-Wirkungs-Theorien reichen zur Darstellung der Beziehungen in der Natur und zwischen Menschen und Natur nicht aus, es braucht komplexere Modelle, die das Hin und Her versuchen zu erfassen und nicht nur eine Richtung bedenken.
Zur Erkenntnis, ein Teil der Natur zu sein, gehört auch die harte Einsicht, dass Menschen jederzeit als Spezies aus der Natur verschwinden können, ohne dass damit die Natur selbst verschwindet. Wir sind wie jede andere Spezies vom Aussterben bedroht.
Teil der Natur sein beinhaltet: egal wie viele Zwischenschichten an Kultur wir zwischen uns und Natur schieben, wir können den natürlichen Prozessen nicht entgehen. Die Natur ist eben nicht bloße Kulisse, die wir nach Belieben auf- oder abbauen.
Emotionale Beziehung zur Natur: ist das nötig?
Ich nutze Religion als Begriff für das Wissen um eine und das Gefühl einer Bindung an etwas, das uns übersteigt. Natur übersteigt uns eindeutig. Welche Form der Gefühle hilft mir bei der Umsetzung dieses Wissens?
Ein wichtiges Gefühl nannte schon Albert Schweitzer: seine Forderung nach Ehrfurcht vor dem Leben. In dem Gefühl mischen sich zwei, zum einen Furcht, zum zweiten Ehre.
Zu Recht fürchten wir die Natur. Auch wenn viele der angeblichen Naturkatastrophen durch menschliche Fehler mit verursacht werden, sind die Kräfte, die bei derartigen Ereignissen wirken, immens. Schon aus diesem Grunde ist ein anderer Umgang mit der Natur und Furcht vor ihren Prozessen vonnöten.
Zum anderen steckt in diesem Begriff das Ehren, wir anerkennen Natur als etwas, das uns nicht untergeordnet, sondern mindestens gleichwertig, eher übergeordnet ist.
Verehrung wäre nicht das, was uns weiterführt, denn zur Verehrung gehört als Gegenpart die Entehrung, mit dem Großmachen des Verehrens ist die Gefahr des Kleinmachens und Vernichtens untrennbar verbunden.
Andere Begriffe wären Respekt, Achtung.
Weitere Emotionen gegenüber der Natur wären: Geborgenheit, das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern dazuzugehören, Trost, Entspannung, Wohlsein. Auch das zeigt sich vielfach, wie gut Menschen das Draußensein im Grünen, umgeben von Wald, Wiese, vom Rauschen eines Baches usw. tut. Diese Seite wird oft gegenüber dem Spaßhaben oder bloßen Sich-dort-Vergnügen-können vergessen.
Und eine weitere Emotion sollte in uns gegenüber der Natur wirksam werden: Neugier, Neugier auf andere Lebewesen, auf Verstehen der Zusammenhänge, auf Wissen, was da geschieht auf einer Wiese, in einem Garten, wie die anderen Lebewesen ihrerseits uns beeinflussen und mit uns in Verbindung sind.
Probleme aus der Abhängigkeit von der Natur
Menschen haben immer auch ein Bedürfnis nach Kontrolle über ihre Ressourcen. Dies muss anerkannt werden, aber gleichzeitig muss bedacht werden, dass diese Kontrolle nicht umschlägt in einen Allmachtswunsch, dem Streben nach totaler Beherrschung des Lebens um uns, wie es leider immer noch in den Köpfen vieler herumspukt. Daher muss Freiheit mit Anerkennung ihrer Grenzen verbunden werden. Hier kann das Gefühl der Demut wichtig werden als Gefühl der Kleinheit gegenüber der Natur, z.B. angesichts eines Gebirges, einer Wüste, eines Sturmes oder eben einer Katastrophe.
Emotionen gegenüber der Natur sind vielschichtig, auch zweideutig, es ist eben nicht nur eine Emotion, die wir ihr gegenüber empfinden, und sie ist nicht immer gleich, je nach Situation, in der wir uns erleben.
Mit welchem Handeln drücken wir Einsicht in diese Bindung aus?
In menschlichen Beziehungen gehören Nehmen und Geben untrennbar zusammen. Soziale Bezüge werden aufrechterhalten, in dem man für das, was gegeben wird, auch etwas zurückbekommt. Im Menschlichen kann dies sogar übersteigert werden, in dem man durch mehr Geben andere verpflichtet, was oft Unbehagen hinterlässt. Trittbrettfahrer, Personen, die nur nehmen, sind in allen Gesellschaften nicht gern gesehen, und alle Kulturen treffen Vorkehrungen, derartiges Handeln so gering wie möglich zu halten.
In Kulturen, die Subsistenzwirtschaft betreiben, also unmittelbar abhängig von dem Ertrag ihres selbst bearbeiteten Landes sind oder sich durch Jagd etc. ernähren, gehört Respekt vor der Natur zu ihren Anschauungen dazu, ebenso wie oft mühselig errungene Umgehensweisen, die der Natur verbrauchte Ressourcen zurückgeben. Und vielfach wird dieser Respekt in Riten des Zurückgebens auch symbolischer Art ausgedrückt.
Zurückgeben müssen wir auch, denn sonst spielen wir gegenüber der Natur Trittbrettfahren.
Rein symbolisch zurückgeben reicht dabei nicht, das erfahren wir inzwischen mehr als überdeutlich.
Wenn wir also dieses Standbein unserer Anschauung ernst nehmen und gründlich durchdenken, sollten wir konsequent auf die Entwicklung einer Ehrfurcht vor der Natur als Teil menschlicher Emotionalität hinarbeiten. Wir sollten auch konsequent darauf bestehen, dass nicht nur entnommen, sondern auch angemessen zurückgegeben wird. Die Betonung liegt hier auf angemessen. Müll zu hinterlassen gehört nicht dazu.
Beispiel: wenn ein Haus gebaut wird, nehmen wir zum einen Platz, nehmen Baumaterialien.
Beides müssen wir in irgendeiner Form wieder zurückgeben: Platz etwa, indem wir Dächer begrünen oder Pflanzen ins Haus holen, Gärten möglichst vielfältig gestalten oder anderswo Flächen nicht mehr benutzen. Bei Baumaterialien sollte von vorneherein mehr überlegt werden, wie diese wieder zurück in den Kreislauf kommen, und das möglichst vollständig.
Dieses Zurückgeben kann als Opfer betrachtet werden, die Aufgabe mancher eigenen Bequemlichkeiten empfinden viele oft genug als Opfer. Aber wenn wir unsere Anschauung als Religion ernst nehmen, dann sind solche Opfer notwendig, im Akt des Zurückgebens wie auch als Ausdruck unserer Bereitschaft, der Natur gegenüber uns an Spielregeln zu halten wie in der Gesellschaft auch.
Unterschiede zu anderen Naturbildern
Es bedarf außerdem einer Abgrenzung des Naturbildes in der Freien Religion von anderen Vorstellungen, etwa des Animismus: Unser Wissen zur Natur fundiert auf wissenschaftliche Erkenntnissen, wir streben danach, Natur nicht einfach zu vermenschlichen, zu anthropomorphisieren.
Pantheistische Sichtweisen sind dabei Formen des Naturbildes, aber aus der Bezeichnung der Natur als göttlich folgt nicht die Möglichkeit, eine Ethik aus ihr abzuleiten.
Daher gehört die Ablehnung teleologischer Naturbilder oder Natur als Mutter- oder Elternbild dazu, denn das wäre eine Vermenschlichung, zu deren Gefahren sich Feuerbach ausführlich äußerte.
Zusammenfassend
Den Menschen als Teil der Natur zu bezeichnen bedeutet vor allem Abschied von Allmachtsfantasien, wie sie immer noch religiös unterschwellig begründet in vielen Köpfen existieren.
Wir sollten konsequent auf die Entwicklung einer Ehrfurcht gegenüber der Natur dringen, darin unsere Bindung an sie anerkennen, unsere Möglichkeiten zur Veränderung begreifen und die Rückwirkungen unseres Handelns auf uns beachten. Achtung vor Lebewesen als autonome Wesen und Verzicht auf Einteilung in nützlich oder schädlich sollte selbstverständlich werden. Unsere Bindung an Natur ist auch Verpflichtung ihr gegenüber und Verantwortung, dass wir Kreisläufe aufrechterhalten statt auszunutzen.
Wie leben wir diese Einsichten?
Zum einen sollten wir unsere Umgebung in Achtung vor der Natur, den Mit-Lebewesen gestalten. Wir sollten in unseren Gemeinschaften und als Gemeinschaft in der Gesellschaft Pläne, die Naturräume betreffen, sei es für Straßenbau etc. gründlich auf ihre Auswirkungen auf diese Räume und das Leben dort prüfen.
Wir sollten auf Handlungen und Dinge, die schaden, verzichten, auch wenn es dabei unbequem wird. Und notwendig ist ein Einbeziehen der Mitlebewesen in die Ethik, auch im Hinblick auf unsere Verantwortung gegenüber zukünftigen Menschengenerationen. Wir sollten jene positive Wirkung, die Natur auf uns ausübt und zur Entspannung und Erholung beiträgt, anerkennen und lehren.
Und wir sollten unser Staunen gegenüber dem Leben in seiner Vielfalt stärken oder neu lernen, denn auch darin drücken wir Ehre gegenüber anderen Lebewesen und ihrem Wert aus.
Ich stelle mir vor, dass ich in der Natur sozusagen zur Miete lebe. Dafür bezahle ich, damit das Haus, die Natur insgesamt erhalten wird und ich muss, wie es sich für gute Mieter*innen gehört, auch die Wohnung und das Umfeld pflegen und sauber halten, nicht zuletzt für die, die nach mir einziehen werden.
Unsere Anschauung bietet uns ein Weltbild, das noch wichtiger werden wird, um zu überleben. Sind wir uns dessen bewusst genug und treten konsequent genug dafür ein?
Auch da werden sich unsere Gemeinschaften an ihren Worten messen lassen müssen.
Renate Bauer
aus dem Archiv des DFW (2021)

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