von Dr. Volker Mueller
Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. (DFW) ist ein Zusammenschluss von freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland und vertritt ca. 18.000 Mitglieder. Der 1991 aus dem 1949 gegründeten Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit hervorgegangene DFW tritt für die Verwirklichung der in Artikel 4 GG garantierten Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ein. Er erhebt den Anspruch, die besonderen weltanschaulichen, sozialen und kulturellen Interessen der dem säkularen Humanismus verbundenen kirchenfreien Menschen zu vertreten. Dabei entwickeln seine Mitgliedsverbände entsprechende kulturelle Angebote (z.B. Jugendweihe/Jugendfeier, andere Lebensfeiern, Trauerhilfe), soziale Projekte, Bildung und gemeinnützige Einrichtungen.
Der DFW steht als Vertreter freigeistiger, d.h. freireligiöser, freidenkerischer, freier humanistischer und unitarischer Menschen ein für Humanismus, Toleranz und Menschenwürde. Er setzt sich für die Durchsetzung und Sicherung der Menschenrechte, für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, unabhängig von ihren religiösen, weltanschaulichen und politischen Anschauungen, ihrer Herkunft, ihrer Lebensauffassung und ihres Geschlechts sowie für die Gleichstellung aller Menschen ein.
Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften vereint zurzeit neun freigeistige Vereinigungen und Funktionsgruppen. Er vertritt die unterschiedlichen Interessen seiner ihm angehörenden freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland und ist als Mitglied in den Humanists International und in der Europäischen Humanistischen Föderation aktiv. Mit manch Auseinandersetzung und dem Ringen um die konsensfähige und vernünftige Lösung eines Problems hat der Dachverband seine Aufgaben formuliert und realisiert, hat sie überprüft, kritisiert und verändert. Dabei bleiben auch manche Gesichtspunkte offen und ungeklärt. Nicht immer führen Auseinandersetzungen im DFW zu Resultaten, doch ohne sie hätten wir kein demokratisches Miteinander und keine Dachverbands-Identität. Wir merken immer wieder, dass Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und Gleichberechtigung die wesentlichen Voraussetzungen für gemeinsames Arbeiten sind. Sie wahren die Identität des DFW und den Respekt und die Toleranz voreinander, die zu freundschaftlicher Verbundenheit führen.
Wichtig bei der Arbeit im Dachverband sind die Gewissheit gemeinsamer Grundpositionen und ein Wohlwollen untereinander. Dazu gehört die Auffassung, dass Werte und Normen eines Gemeinwesens nur bei Wahrung der Würde jedes Einzelnen im Dialog vereinbart werden können. Intolerante Ideologien, Dogmen, rassistische und völkische Denk- und Verhaltensweisen, autoritäre Strukturen sowie Gewaltanwendung und -androhung stehen im Widerspruch hierzu. Der DFW ist parteipolitisch unabhängig und tritt für die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein. Unsere freien Weltanschauungen leben davon, dass sie auf verschiedene Zugänge und Quellen bauen und Verbindung zu den Wissenschaften halten. Wir haben keinen Bezug zu monotheistischen Religionen und lehnen das Staatskirchentum und den Monopolanspruch der christlichen Kirchen ab. Uns verbindet, dass wir geistige und soziale Lebenshilfen über unsere Vereinigungen hinaus anbieten und als Kultur- und Interessenorganisation tätig sind. Wir treten für die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen und Religionen in Staat und Gesellschaft ein, soweit diese keinen Absolutheitsanspruch erheben und ihre Ansichten nicht auf undemokratische Weise durchsetzen möchten.
Gerade die Vertretung der kulturellen, sozialen und politischen Interessen kirchenfreier Menschen, das Eintreten für einen säkularen Humanismus und die Sicherung der Menschenrechte führt die Mitgliedsverbände des DFW immer wieder zu gleichen Grundpositionen und zum gemeinsamen Handeln. Wichtig erscheint uns weiterhin die Wahrung der Identität jedes Verbandes und eines toleranten Miteinanders zwischen unseren freigeistigen Organisationen, das auch manches Tabu gelegentlich aufbricht, um in der Sache weiterzukommen.
Als ideelle Basis im DFW konnten wir erkennen, dass wir keine übernatürlichen Kräfte sehen und benötigen, um sich die Zusammenhänge der Welt und des Zusammenlebens der Menschen in der Natur zu erklären. Denken, Geist und Glaube haben für uns keine Tabus und Vorurteile, keine Dogmen, vor allem keine religiösen Dogmen. Daher sprechen wir auch von freier Geistigkeit und mit Recht von Menschenwürde.
Hauptanliegen damals wie heute ist, mit einer Stimme gemeinsam nach außen aufzutreten, vor allem in den gesellschaftspolitischen Bereichen und den Medien. Der Respekt vor der Identität des Anderen, seinen Sichtweisen, Traditionen und verbandseigenen Verfahrensweisen ist der Garant dafür, dass der DFW seine Aufgaben erfüllen kann, er nicht an Streit zerbricht oder auf der Stelle tritt und er das Gemeinsame in die Zukunft trägt. Diesen Respekt müssen wir immer wieder erringen. Dabei darf nicht ausgeschlossen sein, dass man sich in der Sache kritisiert oder unterschiedliche Positionen innerhalb des Dachverbandes duldet und erträgt und nicht gleich den Grundkonsens im DFW infragestellt. Toleranz und freies Denken und Handeln sind zunächst unter den freigeistigen säkularen Vereinigungen selbst nötig, um glaubwürdig unsere Forderungen öffentlich zu vertreten.
Eine wichtige Funktion des DFW besteht in der Verteidigung gegen Angriffe auf einzelne Mitgliedsverbände. Neben den berechtigten Aktivitäten, sich mit der eigenen Verbandsgeschichte kritisch auseinanderzusetzen, gibt es gelegentlich auch ungerechtfertigte Angriffe.
Wie verstehen wir uns selbst? Welche Identität ist das Wesen unserer Aktivitäten? Unsere Vereinigungen vertreten undogmatische Lebensauffassungen, die auf den Menschenrechten basieren und diese umzusetzen wie zu schützen trachten. Dies hat Konsequenzen! So sind wir der Auffassung, dass sich Menschen ihren Sinn des Lebens – im Rahmen ihrer jeweiligen Kultur – selbst geben und keine irrationalen oder übernatürlichen Mächte für ihre Welterklärung benötigen. Wir stehen in den freigeistigen Traditionen der Aufklärung und des Renaissancehumanismus sowie der atheistischen, freireligiösen, freidenkerischen und humanistischen Bewegungen des 18. bis 20. Jahrhunderts. Die Debattenkultur innerhalb des DFW und der Respekt zwischen seinen Mitgliedsverbänden haben sich trotz mancher historischer Schwierigkeiten gut entwickelt. Der Grundsatz, dass die Zusammenarbeit im DFW bei Wahrung der Traditionen und Identitäten der Einzelnen erfolgt, ist eine Garantie für das Funktionieren des Dachverbandes.
Die Idee der Humanität enthält die Forderung, dass kein Mensch wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Tradition, wegen seiner politischen und religiösen Überzeugung oder wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert oder gar verfolgt werden darf (sofern er mit seinen Überzeugungen und Vorlieben keinem anderen Menschen Schaden zufügt). Er würde sich, meinte Voltaire (1694–1778), jederzeit dafür einsetzen, dass selbst seine Feinde ihre Meinung frei äußern dürfen. Die richtige Aufforderung zur Toleranz ist natürlich einfach auszusprechen, aber nicht leicht in die Tat umzusetzen.
Wir sehen den tiefen Bruch in der freigeistigen Bewegung, die 1933 durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurde. Viele Freigeister fielen den Nazis zum Opfer, litten oder emigrierten. Die Vorgängerin, die „Reicharbeitsgemeinschaft freigeistiger Verbände der deutschen Republik“, konnte während der Weimarer Republik eine umfassende Aktivität entfalten; sie vertrat über eine Million Mitglieder. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war auch die Bildung des „Weimarer Kartells“ ein erfolgreicher Versuch, die freigeistigen Kräfte in Deutschland zu bündeln, einer Zersplitterung entgegenzuwirken und gemeinsame Interessen zu formulieren und umzusetzen. Somit steht unser heutiger Dachverband in einer klaren direkten Traditionslinie demokratischer freigeistiger Interessenzusammenschlüsse, die trotz aller Individualität und gelegentlichen Zersplitterung der angemessene selbstbestimmte Weg für Vereinigungen und Körperschaften kirchenfreier Menschen in Deutschland darstellt.
Die Trennung von Staat und Kirche, wie sie schon im Mai1949 im Gründungsaufruf des Dachverbandes als Forderung enthalten ist, reicht weit zurück in die Anfänge unserer Bewegung, in die Aufklärung und in die freireligiösen Bestrebungen der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Eine Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens, keine Privilegierung nur einer weltanschaulich-religiösen Richtung, die Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, insbesondere der Schutz weltanschaulicher und ethnischer Minderheiten, standen und stehen im Vordergrund. Dabei richten wir uns gegen fundamentalistische und sektenartige Entwicklungen sowie gegen den Alleinvertretungsanspruch der beiden christlichen Kirchen, alleinige moralische Instanz in der Gesellschaft zu sein. Freidenker, Atheisten, Agnostiker, Monisten, Freireligiöse, Unitarier und andere haben natürlich auch eine Ethik, haben humanistische Grundwerte und Verhaltensweisen!
Die Wahrung der Menschenwürde und die Einhaltung der Menschenrechte erhalten in der Gegenwart ein größeres Gewicht für die Arbeit des DFW. Dies betrifft Fragen von Krieg und Frieden und des Natur- und Umweltschutzes ebenso. Doch auch innere Probleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der Europäischen Union, die mit Rassismus, Fanatismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus oder weltanschaulicher Intoleranz verbunden sind, haben verstärkt unsere Aufmerksamkeit.
Als die Gründerväter des damaligen Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit am 8. Oktober 1949 in Wiesbaden zusammengekommen waren, um einen gemeinsamen Verband zu gründen, spielten gewiss mehrere Überlegungen eine Rolle: Die Erfahrungen aus der Zwangsherrschaft und Hitler-Diktatur, aus Krieg und Not haben die überlebenden Menschen tief gezeichnet und ihre Lebensgrundlagen drastisch verändert. Weltanschauungen gingen zu Bruch, ethische Lebensvorstellungen galt es, neu zu gewinnen.
Der DFW strebt seit Langem ein Dach für alle an, sieht sich aber keinesfalls selbst schon als dieses freigeistige Dach an. Es ist im Dialog zu entwickeln. Hierbei ist die Diskussion um die Zentralratsidee hilfreich, wenn sie auch einige Illusionen beinhaltet. Der Begriff „Dachverband“ erscheint uns sehr tragfähig und offen, Begriffe wie „3. Konfession“, „Zentralkomitee“ und „Leitkultur“ werden im DFW eher kritisch gesehen oder gar abgelehnt. Die grundsätzlich positiven Aspekte des Koordinierungsrates säkularer Organisationen e.V. (KORSO) werden wir weiter diskutieren und mitgestalten.
Unsere Bündnisarbeit mit anderen, dem DFW nicht angehörenden Verbänden hat sich verbessert, sodass so mancher auch über Schatten der Vergangenheit oder Vereinsdünkel gesprungen ist. Das Bestreben nach mehr Gemeinschaftlichkeit zwischen den freigeistigen und humanistischen Verbänden ist dem DFW eigen. Darum bemüht er sich auch aktiv, im KORSO – in der Nachfolge der Sichtungskommission verschiedener säkularer Verbände – mitzuarbeiten. Der KORSO benötigt weitere und neue Impulse, mehr Lobby und mehr Offenheit und Aufeinander-Zugehen. Dazu ist der DFW bereit. Die Debattensituation im gesamten freigeistigen oder säkularen Spektrum ist leider nicht so offen und vertrauensvoll, wie wir es uns wünschen. Konkurrenzen, der gelegentliche Hang zur Hegemonie und das Abwerben von Mitgliedern sind vorhanden. Leider werden inhaltliche und organisationspolitische Unterschiede manchmal als persönliche Eigenheiten von einzelnen Funktionsträgern betrachtet.
Die globalen Entwicklungen, die Europäische Vereinigung und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Teile sind Anlass, uns der zukünftigen Wege des gemeinschaftlichen Lebens und Wirtschaftens im eigenen Land und im Verhältnis zu anderen Staaten und Völkern bewusst zu werden und zu vergewissern. Unser Streben nach Glück hat nur Würde, wenn es nicht auf dem Unglück anderer aufbaut. Unser Streben nach Würde muss die anderen als Gleiche anerkennen.
Unser Programm für Humanismus, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist nicht veraltet. Es ist Ausdruck Neuen Denkens und setzt aufklärerisches Denken fort. Aufklärerisches Neues Denken verbindet sich mit weltbürgerlicher Identität, Geistesfreiheit und Menschenrechten. Wir sind eine nicht ruhende Einmischung in die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte, wo immer sie verletzt werden – sei es im Inland oder im Ausland, sei es in der Gegenwart oder in der Zukunft.
Dr. Volker Mueller, Falkensee
aus dem Archiv des DFW (2021)

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