Wenn Denken anstrengend wird – und warum wir es trotzdem brauchen

Dez. 31, 2025 | Humanismus, News | 6 Kommentare

von Ortrun Lenz

Es ist kein neues Phänomen, dass Menschen sich nach einfachen Antworten sehnen. Neu ist eher, wie selbstverständlich diese Sehnsucht geworden ist. Komplexität gilt heute schnell als Mangel, als etwas, das man überwinden muss. Wer lange nachdenkt, zögert. Wer differenziert, macht es sich unnötig schwer. Und wer Fragen offenlässt, wirkt unsicher.

Dabei war Denken nie bequem. Es war nie der schnellste Weg und selten der angenehmste. Denken bedeutet, Widersprüche auszuhalten, Ungewissheit zu akzeptieren, die eigene Position immer wieder zu überprüfen. All das kostet Zeit und Kraft. Vielleicht ist es gerade deshalb so verlockend geworden, es zu vermeiden.

Komplexität kann ermüdend wirken

In vielen Bereichen unseres Alltags wird Anstrengung inzwischen als Zumutung empfunden. Entscheidungen sollen leicht fallen, Meinungen klar sein, Haltungen eindeutig. Wo das nicht gelingt, wird vereinfacht, verkürzt, ausgeblendet. Nicht unbedingt aus Bosheit oder Ignoranz, sondern aus Ermüdung und aus dem Wunsch heraus, endlich Ruhe zu haben.

Verkürzung ist längst mehr als eine rhetorische Technik. Sie ist zu einer kulturellen Gewohnheit geworden. Menschen reduzieren komplexe Zusammenhänge gern auf Schlagworte, denn so werden Ambivalenzen aufgelöst und Spannungen geglättet. So kann man durchaus zu einer Art Übersichtlichkeit kommen, aber um den Preis der Tiefe. Und oft auch auf Kosten der Wahrheit.

Dabei findet dieser Rückzug aus dem Denken meistens geräuschlos statt. Wer erklärt schon freiwillig offen, dass ihm Differenzierung zu anstrengend ist? Es wird einfach immer seltener Platz dafür gelassen. In Diskussionen, in Medien, in öffentlichen Debatten verlieren diejenigen, die zu lange sprechen, die Aufmerksamkeit des Publikums. Wer zu viel erklärt, wird als umständlich abgestempelt. Wer zögert, um vielleicht kurz nachzudenken, gerät unter Rechtfertigungsdruck.

Der leise Rückzug aus der eigenen Urteilskraft

So entsteht allmählich eine Atmosphäre, in der das Denken zwar offiziell geschätzt wird, in der Praxis aber ziemlich offensichtlich stört. Denken passt nicht zum Tempo, nicht zur Erwartung schneller Lösungen, nicht zum Wunsch nach klaren Fronten. Am Ende delegieren viele Menschen das Denken schlichtweg an Experten, Algorithmen, Systeme oder Weltbilder, die bereits fertig sind.

Diese Delegation ist bequem. Sie entlastet den Einzelnen vermeintlich zunächst einmal, was ja auch menschlich verständlich ist. Aber diese Taktik hat ihren Preis, denn wer das Denken auslagert, gibt auch Verantwortung ab. Das geschieht natürlich nicht auf einen Schlag, sondern schrittweise. Hat sich das Delegieren des Denkens zuerst bei einzelnen Fragen etabliert, wird es später möglicherweise auch bei ganzen Deutungen der Welt angewendet.

Humanistische Traditionen, wie sie auch im humanist.center-Archiv dokumentiert sind, haben diesen Zusammenhang früh erkannt. Sie gehen davon aus, dass Menschen denkende Wesen sind, nicht perfekt, nicht unfehlbar, aber fähig zur Reflexion. Dieses Vertrauen ist anspruchsvoll. Es verlangt mehr, als bloß Regeln zu befolgen oder Überzeugungen zu übernehmen. Es verlangt, sich selbst immer wieder als Urteilsfähige ernst zu nehmen.

Gerade deshalb wirkt der Humanismus heute bisweilen sperrig. Er bietet keine Abkürzungen, keine Heilsversprechen, keine endgültig festzementierten Antworten. Humanismus tröstet nicht auf unredliche Weise mit einfachen Erklärungen für die vielen komplexen Zusammenhänge unserer Welt. Stattdessen hält er an der Zumutung fest, dass Freiheit ohne Denken nun mal nicht zu haben ist. Menschen können Verantwortung nicht delegieren, ohne dadurch etwas Wesentliches zu verlieren.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Denken heute als anstrengend empfunden wird. Dabei ist es heute gar nicht komplizierter geworden als früher, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Es ist vielmehr so, dass Menschen diese Anstrengung oft nicht mehr als uneingeschränkt sinnvoll ansehen. Wo alles jederzeit verfügbar erscheint, verliert das Ringen um Erkenntnis an Wert. Wo Orientierung versprochen wird, wirkt Selbstdenken unnötig.

Warum Denken kein Luxus ist

Dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen sich zeigt, was uns fehlt, wenn das Denken in den Hintergrund tritt. Wir sehen es an Gesprächen, die abbrechen, sobald es schwierig wird, oder in Debatten, die nur noch Positionen austauschen, aber keine Argumente. Es lässt sich eine wachsende Gereiztheit feststellen, und zwar gegenüber allem, was nicht sofort einzuordnen ist. Zuhören, ohne sofort das Gegenargument im Kopf zu haben, ist zum Luxus geworden.

Denken bedeutet allerdings auch nicht, immer recht zu haben. Und vor allem: Wir müssen nicht alles sofort verstehen! Was Denken aber immer noch bedeutet, ist, sich der Wirklichkeit nicht vorschnell zu entziehen. Wer denkt, abwägt, überlegt, bleibt offen für Widerspruch, für Zweifel, für das Unfertige. Und genau darin liegt die Stärke des eigenen Nachdenkens.

Vielleicht ist das ein passender Gedanke zum Jahresende. Kein Appell, kein Vorsatz, keine Bilanz. Eher eine Erinnerung, dass Denken Zeit braucht, dass es auch mal Mühe kostet. Und dass diese Mühe kein Makel ist, sondern ein Zeichen von Ernsthaftigkeit.

In einer Welt, die immer schneller vorgefertigte Antworten produziert, ist es kein Rückschritt, langsamer zu denken. Es ist ein Akt der Selbstachtung, und vielleicht auch eine leise Form von Widerstand.

Denk weiter …

6 Kommentare

  1. Christiane Höselbarth

    Verlernen wir um keinen Preis das Denken (und dann womöglich auch die Sprache?).
    Ausgezeichnete Gedanken Ortrun Lenz‘, ihr vielen Dank für diesen Beitrag!

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    • Gisela Puschmann

      „Ich denke, also bin ich“ Rene Descartes, französischer Philosoph

      Denken ist ein Privileg des „Homo Sapiens“. Wer andere für sich denken lässt, zB eigenes Denken unkontrolliert Sachverständigen, Experten, Beratern überlässt, mag sich zwar vor Erleichterung, Verantwortung auf andere abwälzen zu können, befreit fühlen. Tatsächlich aber begibt man sich in deren Hände. Die Herausforderung besteht darin, sich trotz Sachverständiger, Experten, KI und Beratern stets durch eigene Denkleistung, ggfs unter Zuhilfenahme von fachlichen Expertisen, eine eigene fundierte Meinung zu bilden. Das ist zuweilen unbequem, unangenehm und anstrengend; populär ist es auch nicht mehr. Die modernen Medien und die neue „Heilige Kuh“ bieten vorgefertigte Lösungen an; bequem, einfach, schnell.

      Viele lassen denken…..

      Der Umkehrschluss aus dem Satz von René Descartes gibt zu denken; für den, der/die es möchte.

      Ein brillanter Artikel; Dank an die Autorin!

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      • Ortrun Lenz

        @Gisela Puschmann: Vielen Dank für diese differenzierte Ergänzung. Der Hinweis auf das „Abgeben“ von Denken und Verantwortung ist ein wichtiger Aspekt und zusätzlich eine ständige Herausforderung für die eigene Urteilskraft.

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    • Ortrun Lenz

      @Christiane Höselbarth: Vielen Dank für diesen Gedanken! Die Verbindung von Denken und Sprache ist wirklich essenziell und besonders fragil in der heutigen Zeit.

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  2. Philipp G. Bernard

    Wie wahrhaftig geschrieben, und wie treffend subsumiert!

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    • Ortrun Lenz

      @Philipp G. Bernard: Vielen Dank für diese Rückmeldung! Es freut mich sehr, wenn der Artikel als stimmige Zusammenfassung unserer derzeitigen Erfahrungen wahrgenommen wird.

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