Nur mal eben kurz das Nervensystem neu programmieren: Die neuen Gurus und ihre alten Methoden

Dez. 2, 2025 | Gesellschaft, News | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz

Viele Trends in der Coaching-Szene wirken auf den ersten Blick neu, frisch und beinahe revolutionär. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich oft: Es sind alte Muster in neuer Verpackung. Das gilt auch für die heutige Welle von „Nervensystem-Coaches“, „Trauma-Decodern“ oder „Mindset-Mentoren“, die mit großem Selbstbewusstsein behaupten, Menschen könnten sich mit bestimmten Techniken „neu programmieren“. Was dabei gerne übersehen wird: Genau dieselben Ideen tauchten schon einmal in den 80er- und 90er-Jahren auf, damals unter dem Schlagwort NLP (Neuro-linguistisches Programmieren), oft verbunden mit Erfolgssuggestionen und mentalen „Wundermitteln“.

Ich selbst habe Anfang der 90er Jahre einen jener damaligen Gurus kennengelernt. Er war nicht nur rhetorisch brillant, sondern auch ausgesprochen sympathisch. Ein Mensch, der es verstand, Nähe herzustellen und Begeisterung zu wecken. Wir konnten ihn damals für eine wöchentliche Kolumne in einer Redaktion gewinnen, und anfangs war ich fasziniert von seiner Energie und seinem Optimismus. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem die Versprechen zu groß wurden: Er sprach davon, Krankheiten heilen zu können, sogar schwere. Damals schon hatte ich Schwierigkeiten damit – nicht, weil ich ihm schlechte Absichten unterstellte, sondern weil ich spürte, dass solche Heilsversprechen weder seriös noch verantwortungsvoll sind. Irgendwann habe ich mich distanziert. Der freundliche Ton blieb, aber das Gefühl von Unseriösität ebenso.

Wenn ich so durchs Internet surfe, finde ich viele seriöse Coaches, die eine tolle Arbeit leisten. Aber es gibt eben auch diejenigen, die mir irgendwie suspekt sind. Beim Blick in die Kommentare unter diversen Posts auf Social Media bestätigt sich meine Vermutung: Da wird der eine oder die andere angehimmelt und regelrecht verehrt wie eine Göttin. Die Verpackung hat sich geändert, die Mechanik dahinter nicht.

Aber natürlich kann man das nicht 1:1 vergleichen. Damals in den 90ern ging es um Selbstfindung, Heilung und persönliche Transformation. Heute wird dieses Spektrum um einen weiteren Aspekt erweitert: Geld. „Folge mir und du wirst reich und glücklich“, so in etwa lautet die Devise. Viele dieser neuen Programme werben eben nicht nur damit, dass man sein inneres Gleichgewicht findet, damit alte Wunden verheilen, sondern vor allem damit, man könne sich damit ein „freies Online-Business“ aufbauen. Fast immer tauchen dieselben Phrasen auf: „Raus aus dem 9-to-5-Hamsterrad“, „Arbeite von überall“, „Finanzielle Unabhängigkeit“, „Verdiene im Schlaf“. Der spirituell-psychologische Anteil dient dabei oft nur noch als Aufhänger für ein Geschäftsmodell.

Echte Profis bieten seriöse Kurse

Versteht mich nicht falsch: Ich möchte noch einmal betonen, dass es wirklich richtig gute Lehrer, Mentoren, Coaches gibt, die einem das große Einmaleins des Online-Marketings beibringen. Und klar, viele dieser seriösen Marketingprofis sind trotzdem ebenfalls durchaus charismatische Menschen. Aber die besten unter ihnen versprechen eben keine Wunderheilung, keine magischen Zauberformeln, sondern ernsthafte Techniken, die man erlernen kann. Und zwar ohne den jeweiligen Coach anzubeten und irgendeinen mystischen Zauber von ihm zu erhoffen, der automatisiert schnurstracks zum Reichtum führt.

Die etwas skurrileren Typen in diesem weiten Feld machen eine Menge Versprechungen. Wer einen solchen Kurs für mehrere hundert oder tausend Euro kauft, soll ihn nicht nur für das eigene Wohlbefinden nutzen, sondern darf ihn gleichzeitig selbst weiterverkaufen, meist gegen eine Vermittlungsgebühr oder Provision für den/die Anbieter/in. Soweit, so gut, wenn es denn funktioniert. Die Berichte darüber sind sehr unterschiedlich. Manche schaffen es, daraus etwas zu machen, andere verscherbeln ihr letztes Hemd, um sich diesen Kurs zu kaufen und scheitern dann daran. Große Ausgabe, kein Gewinn – zumindest für viele.

Es entsteht eine Mischung aus Selbstoptimierungswillen und Glaube an die Heilsversprechen. Die Verkaufsstruktur erinnert sehr stark an die Mechanismen moderner Affiliate-Systeme oder Multi-Level-Marketing. Der eigentliche „Hook“ ist nicht mehr nur seelisches Wachstum, sondern die Aussicht auf schnellen finanziellen Erfolg: Wer „sein Nervensystem reguliert“ und „sein Trauma auflöst“, kann angeblich sofort ein erfolgreiches Business starten. Dass genau diese Versprechen statistisch nur für sehr wenige zutreffen, wird selten erwähnt. Das Motto: „Du musst nur dran glauben, dann klappt das schon“, ist leider weit verbreitet. Verpackt allerdings in moderne Formulierungen, die alles oder nichts besagen.

Warum funktionieren solche Figuren trotzdem so gut?

Zunächst einmal: Viele dieser Menschen sind charismatisch. Sie wirken sympathisch, engagiert, mitfühlend, sprechen klar und verständlich, vermitteln Hoffnung und Trost für alle, die es gerade schwer haben. Sie bieten einfache Erklärungen in Situationen, in denen Menschen überfordert sind, nach Orientierung suchen oder das Gefühl haben, mit ihren Problemen allein zu sein. Alle, die gerade total gestresst sind, horchen natürlich auf, wenn jemand sagt: „Ich zeige dir den Weg, um deine inneren Blockaden zu lösen, damit dein Leben wieder leichter wird.“ Das zusätzliche Versprechen, dass man damit auch noch im Handumdrehen finanziell unabhängig werden kann, versetzt natürlich viele Anhänger, sprich: Kunden in helle Aufregung.

Schnell gewinnen solche charismatischen Menschen mit ihren Heilsversprechen Fans, neudeutsch: Follower. Es kommt nicht drauf an, ob das Ganze nun mit NLP-Techniken, Mindset-Strategien oder der angesagten Nervensystem-Rhetorik wirbt. Der Effekt ist immer ähnlich. Denn meistens behaupten diese Gurus, dass sie etwas entdeckt hätten, das andere nicht sehen. Die Follower fühlen sich geehrt und in einen exklusiven Zirkel aufgenommen. Diese Muster funktionieren seit Jahr und Tag. Heute ist es noch leichter, via Internet Communities aufzubauen, die verzweifelt nach Lösungen für ihre Probleme suchen und froh sind, endlich denjenigen gefunden zu haben, der das alles im Angebot hat. Nicht gerade billig, aber hey! wen interessiert’s, solange man diese Investition 1000-fach wieder rausbekommt – das ist ja die Botschaft. Investiere einmal richtig, dann geht’s dir sofort besser und du wirst in absehbarer Zeit reich.

Nur die Auserwählten schaffen es

Die Anhängerschaft ist nicht immer durchweg loyal. Natürlich gibt es auch heute Zweifler, die im letzten Moment sagen: halt, stopp! Irgendwas stimmt da nicht. Aber viele fallen drauf rein. Es klingt ja auch zu verlockend: Wer Zugang zu vermeintlich geheimem Wissen bietet, schafft sich eine treue Gefolgschaft.

Social Media Plattformen wie Instagram oder TikTok bieten heute die passenden Bühnen für diese Art Geschäfte mit den Emotionen und Nöten der Menschen. Damit will ich nicht sagen, dass Social Media daran schuld ist. Man kann TikTok & Co. durchaus zu sinnvollen Zwecken nutzen. Aber wie bei allen Medien ist es eben auch möglich, Schindluder damit zu treiben. Die Chance, bei sozialen Netzwerken Botschaften auf das Minimum einzudampfen und mit kurzen, knackigen Sprüchen viele Menschen zu erreichen, ist ideal für vieles, eben auch für die reißerischen Angebote der unseriösen Gurus. „Trauma lösen in 30 Sekunden“, „Nervensystem resetten“, „Glaubenssätze auflösen“, das sitzt und wirkt.

Aus Coaches werden Marken. Aus Marken werden Identifikationsfiguren. Und aus diesen Figuren werden schließlich Personen, die fast kultisch verehrt werden.

Man kann nicht alle Probleme „wegatmen“

Problematisch wird es, wenn Grenzen überschritten werden. Man kann schwere psychische oder körperliche Erkrankungen nicht „wegatmen“. Wenn es lapidar heißt: „Du schaffst es nicht mit meiner Methode? Dann bist du noch nicht bereit dazu. Streng dich mal mehr an, andere schaffen es ja auch.“ Einem Menschen in einer wie auch immer gearteten Notlage zu suggerieren, dass er „nicht genug an sich arbeitet“, sich „zu sehr von toxischen Menschen beeinflussen lässt“ oder „das falsche Mindset endlich ablegen“ soll, ist nicht nur unfair, sondern grob fahrlässig.

Von solchen Einflüsterungen müssen viele, die den Verlockungen erlegen sind und einen teuren Kurs gekauft haben, sich erstmal wieder befreien. Eine neue Form der Emanzipation wird nötig, denn was da passiert, ist das Gegenteil von Selbstbestimmung. Das ist das Perfide daran: Verkauft wird es als Möglichkeit, ein finanziel unabhängiges Leben zu führen. Was herauskommt, ist oft genau das Gegenteil davon.

Aus humanistischer Perspektive ist das besonders heikel. Humanismus bedeutet Autonomie, Aufklärung, Mündigkeit und die Orientierung an überprüfbaren Erkenntnissen. Gurus, ob alte oder neumodische, verpacken komplexe Probleme in kleine Schachteln mit übersichtlichen Lösungen, die nur leider selten funktionieren. Statt kritisches Denken zu fördern, wird auf emotionale Nähe gesetzt. „Guck mal, das habe ich mir erarbeitet, und du kannst das auch. Und du musst nicht den langen, steinigen Weg zum Erfolg gehen, den ich genommen habe. Ich zeige dir die Abkürzung, folg mir und mach, was ich sage.“ So entstehen Abhängigkeiten, anstatt Menschen zu zeigen, wie man wirklich auf seriöse Art seinen eigenen Weg findet.

Alles nicht neu, aber immer noch fragwürdig

Ich betone nochmal, dass ich Coaching an sich nicht schlechtreden will. Es gibt viele großartige Coaches, die tolle Arbeit leisten. Sie geben fachgerechte Anleitungen und sind hilfreich bei persönlicher Entwicklung und beim Erlernen professioneller Fähigkeiten, die man dann auch wirklich nutzen kann, um sich zum Beispiel eine berufliche Perspektive aufzubauen. Mir sind nur leider auch viele aufgefallen, die ganz sicher das Geld nicht wert sind, das sie für ihre überteuerten Kurse verlangen. Und das sind in der Regel die, die extrem skurril rüberkommen, eben wirklich wie Gurus, die ihre Sektenmitglieder um sich scharen.

Wenn es schon heißt: „Guckt euch die da draußen an, die sind selbst schuld, dass sie nicht bei uns sind. Nur hier bei mir findet ihr sämtliche Vorteile, werdet reich, berühmt, gesund.“ Klar: „Wir hier drinnen, die da draußen.“ Die da draußen haben keine Ahnung, aber die Auserwählten, die in der Community sind und brav alles mitmachen, die wissen dank ihres Gurus Bescheid. Die erhalten Stück für Stück immer weiteres Geheimwissen zugeteilt. Lektion für Lektion wird freigeschaltet, und dann eröffnen sich die großen Perspektiven auf ein unfassbar wundervolles Leben.

Dass mir solche Menschen, die sich als allwissend und perfekt präsentieren, heute ständig im Internet begegnen, das hat mich an damals erinnert. An den netten, smarten Guru, der mit seiner sympathischen Art Menschen spielend für sich gewinnen konnte und ihnen dann das Blaue vom Himmel runter versprach. Aber die Versprechen waren ziemlich groß.

Menschen neigen anscheinend dazu, solche Figuren zu idealisieren. Die neuen Trends sind auf den ersten Blick moderner, frischer, peppiger, aber im Grunde werden nur Ideen wieder aufbereitet, die seit Jahrzehnten in Wellen immer wiederkommen.

Am besten fährt man damit, wenn man nicht immer alles gleich bierernst nimmt, was einem begegnet. Die eine oder andere Frage mehr kann nicht schaden, bevor man sich auf Versprechungen einlässt und irgendwelche Kurse kauft. Und übrigens: Es lohnt sich auch deshalb, mal genauer hinzuschauen, weil vieles in dieser Szene durchaus amüsant ist.

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