von Silvana Uhlrich-Knoll
Im Namen des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften begrüße ich Sie sehr herzlich zu unserer heutigen Festveranstaltung. 75 Jahre DFW sind nicht nur eine Ansammlung von Jahren, auf die wir ehrfurchtsvoll zurückblicken, sondern das sind gelebte Stunden der aktiven Teilnahme an unserer Gesellschaft, am Prozess der demokratischen Strukturen und Zeit, die wir als Beitrag für die Geistesfreiheit, für Toleranz, Humanismus und die Menschenrechte gestaltet haben.
Mehr denn je scheint es wichtig, sich als individueller Mensch seiner Freiheit der Gedanken bewusst zu werden und sich dafür stark zu machen, dass diese Freiheit ein hohes Gut bleibt.
Die Demokratie lebt von Dialog, vom Austausch und von Kompromissen. Eine Grundvoraussetzung ist jedoch, andere Meinungen akzeptieren zu können, faktenorientiert wahrzunehmen sowie respektvoll mit ihnen umzugehen ( siehe Bundesprogramm „Demokratie leben!“ https://www.demokratie-leben.de).
Den Vereinten Nationen zufolge bietet die Demokratie „ein Umfeld, in dem die Menschenrechte und Grundfreiheiten geachtet werden und in dem der frei geäußerte Wille der Menschen ausgeübt wird“.
Schaue ich mir jedoch einmal die Fragestellung genauer an, warum es gut ist, in einer Demokratie zu leben, dann sehe ich die aktuellen Herausforderungen unserer Zeit. Denn da steht:
Es tut gut in einer Demokratie zu leben, da sie Vielfalt gestaltet, allen Menschen ein friedvolles Leben in demokratischen Strukturen ermöglicht, Extremismus vorbeugt, die Entstehung demokratie- und menschenfeindlicher Phänomene sowie extremistischer Einstellungen möglichst verhindert und dennoch stattfindende Radikalisierungsprozesse frühzeitig unterbricht. (Quelle: https://www.demokratie-leben.de)
Politische Brennpunkte finden wir leider gerade überall auf der Welt verstreut und es werden weitere politische Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren folgen. Es ist nicht schwerer geworden, seine Stimme zu erheben, aber es ist noch viel wichtiger geworden, Stellung zu beziehen. Mit den Worten von Uttam Niraula, unserem nepalesischen Kollegen und Freund, der diese Bedrohung gerade persönlich durchleben muss, finden wir hier ein Symptom für eine sich entwickelnde Welt, in der Gerechtigkeit und Fortschritt als ein Fluch gegen ihre Kultur und Tradition angesehen werden. Und dennoch sagt er: Wo auch immer wir sind, wir müssen uns weiter für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen.
Die Menschenwürde und die Gleichberechtigung von allen Menschen sind meine Themen von Kindesbeinen an. Sich für andere einsetzen, sich stark machen gegen Unterdrückung, sich stark machen für Menschen, denen es verwehrt wird, ihre Stärke zu finden. Etwas oder jemand in Frage zu stellen und auch mich selbst zu hinterfragen, gehört dazu.
Ich bin schon 2004 mit jungen afrikanischen Menschen auf die Straße in Uganda gegangen, um für ihre Rechte und für die LGBTQ Bewegung zu demonstrieren. Auch mit Menschen aus Bangladesh bin ich auf die Straße gegangen, die sich erlaubt haben, ihr Land und die politische Führung kritisch infrage zu stellen. Es ist wichtig, unterschiedliche Meinungen zu haben, vertreten zu können und dafür nicht verurteilt zu werden. Das macht eine Demokratie aus, dass macht ein säkulares Miteinander aus, sich auf Augenhöhe zu begegnen, aber sich nicht diffus durch missionierende Äußerungen im Vorteil zu sehen. Jeder von uns denkt, er liegt richtig, jeder von uns lebt nach den Werten und Normen, die man für richtig hält. Jedoch müssen diese nicht für andere Menschen funktionieren.
Ein wesentliches Element von Demokratien ist eine gesunde Debattenkultur, die offen, respektvoll und tolerant mit Meinungsunterschieden umgeht. Sie muss Kompromisse ermöglichen, Entscheidungen ableiten und deren Akzeptanz fördern.
So heißt es für uns Aufklärungsarbeit zu leisten, alltägliche Abläufe der Demokratie und deren Wichtigkeit zu verdeutlichen. So heißt es als DFW vorausschauend zu arbeiten, Schwierigkeiten vorab zu erkennen und darauf einzugehen. Veränderungen müssen diskutiert und Kompromisse müssen demokratisch verhandelt werden.
Wir brauchen ein neues Gemeinschaftsgefühl, eine gemeinsame Vision. Und die muss sich an dem Notwendigen, nicht nur an den eigenen Komfortzonen orientieren. Denn Zeiten multipler Krisen kann man nur überwinden, wenn wir auch bereit sind, uns zu verändern. Den Anspruch, dass alles gleich bleibt und die Welt sich um uns herum anpasst, wird sich nicht erfüllen. (siehe Dr. med. Moritz Völker, https://de.linkedin.com/posts/dr-med-moritz-voelker_demokratie-activity-7152653203015180288-uQdy)
Unsere Glaubwürdigkeit muss gestärkt und die von Populisten und Demokratiegegnern infrage gestellt werden. Das fehlende Gefühl der Gemeinsamkeit muss einem neuen Wir weichen. In dem Kindermusical, welches ich gerade beruflich mit inszeniere, heißt es in einer Zeile so schön: „Denkt an diese kleine Weisheit: großes WIR und kleines ICH!“ Also üben wir uns in einem bescheidenen aber wichtigen Weiterentwickeln, Verändern und Mitgestalten. Diesen Weg zu beschreiten, wird anstrengend sein. Aber es ist nicht entscheidend, gleich ein Ziel zu erreichen, sondern dass wir unsere Energien in die richtige Richtung lenken. Dass wir ein Zeichen setzen und unsere Stimme für etwas Gutes erheben.
Foto: Dr. Volker Mueller (Präsidiumsmitglied), Silvana Uhlrich-Knoll (DFW-Präsidentin) und Alexander Knöß (Vizepräsident). (Foto: Christian Mueller)
Silvana Uhlrich-Knoll
(DFW-Präsidentin)


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